Kita St. Nikolaus

© DKJS/Jakob Erlenmeyer und Nikolaus Götz

Kita St. Nikolaus
Zweiter Platz 2025

Ort: Kirchen (Sieg)
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Größe: 144 Kinder, 46 Mitarbeitende
Träger: Stadt Kirchen (Sieg)
Unsere Stärke: Reggio-Pädagogik, Teilhabe, Kinderparlament, Kinderrechte, Elternbeteiligung

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Wie sensibilisieren wir mehr Menschen für Kinderrechte? Im Mäuseparlament hatten die Kinder und das Team der Kita St. Nikolaus die zündende Idee, der anwesende Bürgermeister war schnell überzeugt: Vor dem Rathaus im rheinland-pfälzischen Kirchen soll eine große Schautafel zu Kinderrechten verankert werden. In der Kita sind sie das längst. Fachkräfte, Eltern und Kinder haben gemeinsam eine Kinderverfassung mit Rechten und Regeln erarbeitet, an der das Team sein pädagogisches Handeln ausrichtet. Ob Speiseplan, Raumgestaltung oder Projektideen – die Kinder beraten sich in Gruppenkonferenzen und entscheiden im Parlament bei Themen, die sie betreffen, mit. Sogar bei der Einstellung neuer Mitarbeitender ist ihre Meinung gefragt. Nach dem Morgenkreis öffnet sich den Kindern die gesamte Kita zum Forschen und Lernen. Die Fachkräfte begleiten sie dabei und greifen ihre Ideen auf. Die Eltern bestaunen die Projektergebnisse nicht nur beim morgendlichen Kaffee im Kinderrestaurant oder an „Ich-zeig-dir-meine-Kita-Samstagen“, sondern machen oft selbst mit – sei es als Neurologin beim Gehirnprojekt oder beim Vorlesen in ihrer Muttersprache. So erfahren hier Jung und Alt, was echte Teilhabe bedeutet.

Das sagt die Jury

Überzeugt hat die Jury, wie engagiert das Team die Kinderrechte in den Kita-Alltag übersetzt. Im Mäuseparlament können die Kinder über Speiseplan, Raumgestaltung oder Projektideen entscheiden. Und eine Kinderverfassung, in der Kinder, Fachkräfte sowie Familien verbindliche Regeln festlegen, ist Teil des pädagogischen Konzepts. Sensibel binden die Fachkräfte die soziale und kulturelle Vielfalt der Kinder ein. Um die Familien in Kirchen passgenau zu unterstützen, ist das Team über die Kita hinaus vernetzt. Die Einrichtung arbeitet eng mit einem Familienzentrum, einer Kita-Sozialarbeiterin und einer Netzwerkerin, die alle Anliegen aus den städtischen Kitas koordiniert, zusammen. Zukunftsweisend setzt die Kita zudem digitale Medien im Alltag ein. Mit dem Tablet wird zu wichtigen Fragen recherchiert. Die Kinder lernen hier von Anfang an, digitale Hilfsmittel sinnvoll zu nutzen. Die Fachkräfte verstehen sich dabei immer als Mitlernende.

Die Begründung unserer Jury in voller Länger

Systematische Umsetzung der Kinderrechte im Alltag und starkes partizipatives Beschwerdemanagement 

Die Kita zeichnet sich dadurch aus, dass die Rechte der Kinder nicht nur theoretisch verankert sind, sondern im pädagogischen Alltag konsequent umgesetzt und für alle Beteiligten erlebbar gemacht werden. Kinder gestalten ihren Tag überwiegend selbstbestimmt und entscheiden eigenständig, an welchen Angeboten sie teilnehmen. Gleichzeitig gibt es klare Regeln und Verabredungen, die von den Kindern mitgetragen werden. 

Die Fachkräfte richten ihre Praxis aktiv daran aus, herauszufinden, was die Kinder möchten und brauchen. Sie achten die Kinder in ihren Entscheidungen und finden gemeinsam Lösungen. Besonders beeindruckend ist, dass dies in einem Umfeld geschieht, in dem viele Kinder nur eingeschränkte Startchancen haben. So leistet die Kita einen wichtigen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit. 

Dies zeigt sich in vielen Projekten und Alltagssituationen: Schon beim Betreten des Hauses begegnen Kinder ihren Rechten unmittelbar – im Treppenhaus können sie auf Knopfdruck Bilder und Tonaufnahmen zu Kinderrechten abrufen. Auch im Sozialraum wird das Thema sichtbar, etwa durch Postkartenaktionen oder Jutebeutel mit Kinderrechtsmotiven. 

Ein weiteres Beispiel ist die gemeinsam erarbeitete Kinderverfassung, die als Leitlinie für das pädagogische Handeln dient und den Kindern Orientierung gibt. Demokratiebildung wird dabei nicht nur besprochen, sondern konkret gelebt: Als die Kinder erfuhren, dass die Tische im Restaurant einheitlich geplant waren, beschwerten sie sich. Daraufhin entwickelten sie Schuhkartonmodelle, stimmten über ihre Favoriten ab und wählten gemeinsam Möbel aus. Heute spiegelt die Vielfalt der Tische – vom klassischen Tisch mit Stühlen über einen kunstvoll verzierten niedrigen Holztisch mit Sitzkissen bis hin zum beliebten „Freundetisch“ – die unterschiedlichen Wünsche der Kinder wider. 

Auch die Tagesgestaltung liegt innerhalb des pädagogischen Rahmens in Kinderhand. In der „freien Entdeckerzeit“ am Vormittag sind alle Themenräume geöffnet, so dass die Kinder selbst entscheiden können, wo sie ihre Zeit verbringen. Danach gestalten die Stammgruppen ihre Zeit individuell. Kinder reflektieren ihre Erlebnisse und können jederzeit zwischen Aktivitäten, Mittagessen und Außengelände wechseln. 

So wird deutlich: Die Kita ist ein Ort, an dem Kinderrechte nicht nur vermittelt, sondern aktiv gelebt werden – und an dem Familienorientierung und soziale Gerechtigkeit im Alltag spürbar sind. 

Sozialpädagogische Familienarbeit und Vernetzung im Sozialraum 

Die drei kommunalen Kindertagesstätten der Stadt Kirchen bilden gemeinsam ein Familienzentrum. Eine Kita-Sozialarbeiterin sowie eine Kita-Netzwerkerin sind für das gesamte Familienzentrum zuständig und unterstützen Familien durch Beratung, Vernetzung und Begleitung. Der Träger initiierte das „4-Säulen-Projekt“ mit Familienzentrum, Mehrgenerationentreff, Eltern-Kind-Zentrum und Gemeindeschwester-Plus. Diese Angebote sind aus den Bedarfen der Familien gewachsen und beleben den Sozialraum nachhaltig. 

Die Einrichtung agiert inklusiv, kultursensibel und lebensweltorientiert. Sprachliche Vielfalt wird aktiv aufgegriffen: Fachkräfte sprechen mit Kindern in der Familiensprache, nutzen Übersetzerinnen und Übersetzer oder die Hilfe von Familien. So wird Bildungsgerechtigkeit gefördert und die Teilhabe aller Kinder ermöglicht. 

Wie stark die Kita im Alltag auf die Bedürfnisse von Familien eingeht, zeigt sich in vielen konkreten Beispielen. So begleitet die Kita-Sozialarbeiterin Familien bei Anträgen und Terminen und schafft damit wichtige Zugänge zu Unterstützungssystemen. Gleichzeitig finden Yoga- und Entspannungsangebote für Eltern direkt in den Räumen der Kita statt – ein Zeichen dafür, dass die Einrichtung nicht nur für Kinder, sondern auch für ihre Familien ein Ort der Stärkung ist. 

Bedarfsorientierte Angebote wie eine Familienbibliothek, Themenabende oder eigens entwickelte Stadtpläne verdeutlichen die lebensweltorientierte Haltung. Die Kita ist heute ein fester Teil der Gemeinschaft. 

Auch im pädagogischen Alltag achten die Fachkräfte auf Unterschiede in sozialen und kulturellen Lebenslagen und überlegen, wie ungleichen Bildungschancen begegnet werden kann. Besonders sichtbar wird dies in den neu gestalteten Geburtstagsritualen: Statt eines Wettbewerbs um die wertvollsten Geschenktüten stehen nun gemeinschaftliche Feiern im Mittelpunkt, die von der Kita für alle Kinder gleich organisiert werden – ein Beispiel für gelebte Inklusion und soziale Sensibilität. 

So wird deutlich: Die Kita ist nicht nur ein Bildungsort für Kinder, sondern auch ein lebendiges Familienzentrum, das den Sozialraum bereichert und Bildungsgerechtigkeit aktiv fördert. 

Einsatz digitaler Medien 

Besonders hervorzuheben ist der alltagsintegrierte, kindgerechte und reflektierte Einsatz digitaler Medien, mit denen die Kinder insbesonders die Kinderrechte erforschen können. Digitale Werkzeuge werden weder als Zusatzangebot noch als Technikprojekt verstanden, sondern als natürlicher Bestandteil des pädagogischen Alltags, der Kindern Selbstbestimmung, Partizipation und unmittelbare Zugänge zu Wissen ermöglicht. 

Die Kinder nutzen iPads flexibel, um ihre eigenen Fragen zu verfolgen: Wenn etwa ein Kind wissen möchte, was Drachen fressen, wird gemeinsam recherchiert – die Kinder formulieren ihre Fragen, vergleichen verschiedene Quellen, diskutieren Ergebnisse und dokumentieren ihre Erkenntnisse. Dadurch erleben sie sich als aktive Forschende, die Antworten selbstständig finden können. 

Auch in der Raumgestaltung sind digitale Medien sichtbar verankert: TipTois liegen in verschiedenen Bildungsbereichen bereit, so dass Kinder eigeninitiativ Materialien erkunden oder vertiefen können. Sprechbuttons werden gezielt eingesetzt, um Kinderrechtsbildung niedrigschwellig erfahrbar zu machen. Kinder haben selbst Inhalte eingesprochen – etwa Erklärungen zu ihrem Recht auf Beteiligung oder auf Schutz – und diese anschließend in Form von Plakaten und Hörstationen im Haus sichtbar gemacht. So entsteht eine Lernumgebung, in der Medienbildung und Kinderrechte eng ineinandergreifen und Kinder ihre eigenen Botschaften im Haus hör- und sichtbar platzieren können. 

Die pädagogischen Fachkräfte begleiten diese Prozesse kompetent, indem sie digitale Werkzeuge nicht dominieren, sondern deren sinnvollen Einsatz mit den Kindern reflektieren: Welche Informationen sind verlässlich? Wie können wir etwas nachprüfen? Welche Bilder dürfen wir aufnehmen und wie sprechen wir über Datenschutz? Dadurch entwickeln Kinder nicht nur technische Fähigkeiten, sondern ein grundlegendes Verständnis für Medienkompetenz, Selbstbestimmung und Schutz ihrer eigenen Rechte. 

Insgesamt zeigt sich ein vorbildlicher Medienansatz, der Kindern nicht nur Zugang zu Wissen ermöglicht, sondern ihnen eine Stimme gibt, ihre Perspektiven ernst nimmt und die Kita als demokratischen Lernort stärkt. 

Fachkräfte als Mitlernende 

Die Fachkräfte verstehen sich nicht als Anleitende, sondern als Bildungsbegleitende und Mitlernende. Diese Haltung prägt den gesamten Alltag: Kein Tag gleicht dem anderen, weil die Fachkräfte aufmerksam wahrnehmen, welche Fragen, Impulse und Interessen die Kinder einbringen. Die pädagogische Arbeit orientiert sich nicht an vorab festgelegten Vorgaben, sondern an der kindlichen Neugier. Kinder erleben sich dadurch als aktive Forschende, die selbstbestimmt Themen verfolgen, Hypothesen entwickeln und täglich neue Zusammenhänge entdecken können. Diese Atmosphäre des gemeinsamen Lernens stärkt die Selbstwirksamkeit der Kinder und vermittelt ihnen das Gefühl: Meine Gedanken sind wichtig. Meine Fragen bewegen etwas. 

Wie diese Haltung konkret gelebt wird, zeigt das Superheldenprojekt eindrücklich: Ausgehend von einem Gespräch der Kinder über Superkräfte entstand ein mehrwöchiges Forschungs- und Gestaltungsprojekt. Kinder überlegten, welche Heldin oder welcher Held sie selbst sein möchten, welche Eigenschaften und Fähigkeiten sie bereits besitzen und welche sie gerne entwickeln würden. Sie gestalteten Symbole für ihre individuellen Superkräfte, führten Interviews mit Passantinnen und Passanten über deren persönliche Vorbilder und dokumentierten ihre Erkenntnisse. Das Projekt verknüpfte Selbstreflexion, Sprache, Medienarbeit und soziale Kompetenz auf natürliche Weise. 

Genauso werden naturwissenschaftliche Fragen aus dem Alltag aufgegriffen und vertieft: Kinder untersuchen unter dem Mikroskop Milchzähne, Haare oder Ohren, vergleichen Strukturen und formulieren eigene Erklärungsversuche. In anderen Situationen entstehen fantasievolle Forschungsaufträge – etwa wenn ein Gehege für Drachen gebaut wird und die Frage auftaucht, was Drachen eigentlich fressen könnten. Die Fachkräfte greifen solche Impulse nicht als Spielerei auf, sondern erkennen sie als bedeutsame Lernanlässe. Sie geben keine vorgefertigten Antworten, sondern begleiten die Kinder dabei, selbst herauszufinden, zu probieren, zu forschen und weiterzudenken.