Kinderperspektiven im Fokus: Im Gespräch mit Kita-Expertin Andriana Noack

© DKJS/Jakob Erlenmeyer und Nikolaus Götz

Die finale Auswahlphase beim Deutschen Kita-Preis 2026 ist in vollem Gange: Seit Anfang Juli reisen unsere Fachleute zu den 16 Finalisten, um deren Arbeit genau unter die Lupe zu nehmen. 

Die acht Kitas im Finale erhalten Besuch von den Expertinnen und Experten der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung (BeKi). Vor Ort beobachten sie zwei Tage lang den Kita-Alltag und sprechen mit allen Beteiligten – neben Leitungen, Fachkräften, Träger-Vertretungen und Eltern sind das natürlich auch die Kinder. 

Wie genau die Interviews mit den Kita-Kindern ablaufen und wie ihre Perspektiven dazu beitragen, ein umfassendes Bild von der Qualität vor Ort zu erhalten, weiß Expertin Andriana Noack vom BeKi:

Warum sind die Perspektiven der Kinder so wichtig und was verraten ihre Antworten über die Qualität vor Ort? 

Die Antworten der Kinder sind ein wichtiger Indikator für die pädagogische Qualität einer Kita. Sie zeigen beispielsweise, ob Kinder sich wohl, sicher und ernst genommen fühlen, ob sie Beziehungen zu den pädagogischen Fachkräften als vertrauensvoll empfinden und welche Bedeutung Regeln, Räume oder der Tagesablauf aus ihrer Sicht haben. Ebenso geben sie Hinweise darauf, wo Kinder Mitbestimmung erleben, wo sie Einschränkungen wahrnehmen oder welche Veränderungen sie sich wünschen. Dadurch werden die Stärken der Einrichtung ebenso sichtbar wie mögliche Entwicklungsbedarfe. Manchmal kommen auch einfach Themen auf, die zuvor noch nicht im Blick waren. 

Wichtig dabei ist: Wenn man nach den Perspektiven der Kinder fragt, geht es nicht darum, die „Machtverhältnisse“ in einer Kita umzuverteilen. Oft bekommen wir mit, dass sich vor allem Eltern sorgen, dass „alles aus den Rudern gerät und die Kinder nun alles bestimmen“. Jedoch ist das nicht der Punkt. Beim Erheben von Kinderperspektiven geht es um Kinderrechte, um ein Beziehungsangebot und darum, sich auf Kinder einzulassen. Dabei geht es natürlich auch immer um Machtverhältnisse im Miteinander zwischen Kindern und Erwachsenen, die von Erwachsenen ständig kritisch hinterfragt werden müssen, um Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist wichtig, dass wir Erwachsenen reflektieren, an welcher Stelle es uns schon gut gelingt, Kindern zuzuhören und an welcher Stelle es uns noch nicht so gut gelingt. 

Wie laufen die Interviews mit den Kindern ab und worauf achtet ihr, damit sie sich wohlfühlen und ihre Meinung frei äußern? 

Vor jedem Vor-Ort-Besuch erhält die Kita einen Steckbrief mit Foto von uns Expertinnen und Experten. Letztes Jahr habe ich in einer Kita erlebt, dass neben den ausgehängten Steckbriefen ein Buzzer angebracht wurde. Wenn man diesen gedrückt hat, wurden die Inhalte der Steckbriefe vorgelesen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kinder selbstständig erkunden können, was beim Vor-Ort-Besuch passiert und welche Personen die Kita besuchen. 

Wenn der Zeitpunkt des Kinderinterviews gekommen ist, sind wir schon eine Weile in der Kita. Das heißt, die Kinder sind uns bereits begegnet. Die Fachkräfte sprechen dann Kinder an und fragen, ob sie Lust haben, mit uns zu sprechen. Das wichtigste Gebot dabei ist, dass das Kinderinterview nur durchgeführt wird, wenn die Kinder wirklich Lust darauf haben. Tatsächlich gibt es aber immer Kinder, die mitmachen möchten, meistens sind es drei oder vier, manchmal auch fünf oder sechs. Wenn sie in einer etwas größeren Gruppe sind, fühlen sie sich oft sicherer, als wenn es nur ein oder zwei Kinder wären. Das ist auch gut so. 

Für das Gespräch gibt es Leitfragen, die wir je nach Situation auswählen und durchgehen. Dabei achten wir sehr auf eine entspannte Atmosphäre. Es soll nicht der Eindruck eines „Ausfragens“ entstehen, sondern ein nettes Gespräch werden. Die Kinder stellen uns dabei manchmal Fragen zurück, die wir natürlich auch beantworten. Ich setze mich zum Beispiel beim Interview sehr gern auf den Boden, weil das die Atmosphäre zusätzlich auflockert. Manchmal verlässt auch ein Kind während des Interviews die Gruppe wieder, weil zum Beispiel ein Spiel gerade interessanter ist. Und das ist völlig in Ordnung und auch gut so. Wir möchten den Kindern jederzeit vermitteln, dass sie frei über die Situation entscheiden können. 

Gab es in den früheren Durchgängen Antworten, die euch besonders überrascht oder zum Umdenken angeregt haben? 

Mich überraschen Kinder beim Erheben von Kinderperspektiven und bei Kinderinterviews immer – wirklich immer. Das zeigt einmal mehr, dass wir Erwachsenen möglicherweise erst auf dem guten Weg sind, Kindern wirklich zuzuhören und uns auf sie einzulassen. Denn alle Kinder haben eine Stimme – egal, ob sie sich verbal oder nonverbal ausdrücken. Wir Erwachsenen müssen nur richtig zuhören und genau hinschauen. Im Kern geht es darum, Kinder als gleichwertig zu achten, Machtverhältnisse zu reflektieren und die Perspektiven von Kindern sichtbar zu machen. Dafür müssen sich Erwachsene stark machen. 

Besonders erstaunt hat mich einmal, dass sich zwei Kinder sehr gut an eine Regel erinnern konnten, die schon zurücklag und inzwischen abgeschafft worden war. Die Kinder hatten diese Regel kritisiert und auch die Fachkräfte hatten beobachtet, dass sie zu Unmut führte. Selbstverständlich hat die Kita die Regel nicht einfach ohne Gespräche abgeschafft. Dem Team war es wichtig, sich dazu mit den Kindern zu verständigen und die Situation gemeinsam zu reflektieren. Das Team nahm an, dass damit alles geklärt war. Das Interview hat jedoch gezeigt, dass das nicht so war. Die Regel war für die Kinder noch immer präsent und hat sie weiterhin beschäftigt. 

Wir haben den Fachkräften davon berichtet und sind mit ihnen darüber ins Gespräch gekommen. Sie waren erstaunt, dass diese Situation für die Kinder noch immer so präsent war. Die Kita hat das ernst genommen und wollte das Thema rund um die Regel mit den Kindern noch einmal aufgreifen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, welche Wirkung solche Kinderinterviews haben können. 

Was empfiehlt ihr Kita-Teams, die die Perspektiven von Kindern stärker in ihren Alltag integrieren möchten? 

Nur weil man möglicherweise Strukturen zur Beteiligung von Kindern fest etabliert hat und die vielfältigen Kinderperspektiven regelmäßig erhebt, bedeutet das noch lange nicht, dass Kinder wirklich gehört und gesehen werden. Wenn man als Kita Kinderperspektiven stärker in den Alltag integrieren möchte, dann kommt man nicht drumherum, sich zunächst mit dem eigenen professionellen Selbstverständnis auseinanderzusetzen und als Team eine Haltung dazu zu entwickeln. Auch wertvoll dabei ist, in die eigene Biografie zu blicken und zu reflektieren, wo und wie die eigene Perspektive früher Raum hatte, also als die Fachkräfte selbst Kinder waren.  

Es geht demnach nicht darum, irgendeinem „Kochrezept“ zu folgen, auch wenn das „Kochrezept“ eine Anleitung ist Kinderperspektiven zu erheben, sondern es geht vor allem darum, verstehen zu wollen und sich auf die Kinder einzulassen. 

Vielen Dank für das Interview und viel Spaß bei den anstehenden Vor-Ort-Besuchen!