Blau-Weißer Bewegungsraum

© DKJS/Jakob Erlenmeyer und Nikolaus Götz

Blau-Weißer Bewegungsraum
Zweiter Platz & DGB-Zusatzpreis 2025

Ort: Bochum
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Handlungsfeld: körperliche und psychosoziale Entwicklung durch Bewegungsförderung, ganzheitliche Gesundheitsbildung, Teilhabe
Aktiv seit: 2022
Wirkungsradius: verschiedene Stadtteile
Partner: VfL Bochum 1848, Ruhr-Universität Bochum, Jugend- und Gesundheitsamt, Vonovia und Stadtwerke Bochum, Kitas, DFL Stiftung

Kontakt: VfL Bochum 1848 Fußballgemeinschaft e.V., Angelina Biela (Bewegungskoordinatorin), biela[at]vfl-bochum.de

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Der VfL Bochum lässt nicht nur die Herzen seiner Fans höherschlagen, sondern auch die vieler Kita-Kinder: Um dem zunehmenden Bewegungsmangel entgegenzuwirken und Familien für Gesundheitsthemen zu gewinnen, gab der Verein 2022 den Anstoß für den Blau-Weißen Bewegungsraum. Das Bündnis bringt jede Woche rund 800 Kinder in der Ruhrstadt in Schwung. Dabei geht es um weit mehr als ums Kicken: Beim Tanzen, bei Koordinations- oder bei Ballspielen entdecken die Kinder ihre Stärken und finden ohne Leistungsdruck heraus, was ihnen Spaß macht. Mit Piktogrammen wählen sie ihre Lieblingsübungen aus dem vielfältigen Programm aus und entscheiden so aktiv mit. Zur ganzheitlichen Förderung sind die Bewegungseinheiten spielerisch mit Ernährungs- und Umweltthemen verknüpft. Um die Angebote passgenau zu gestalten, ist das gesamte Bündnis mit am Ball: Kita-Fachkräfte sowie Jugend- und Gesundheitsamt bringen ihr Wissen über die Lebensbedingungen und konkreten Bedürfnisse in den heterogenen Quartieren ein. Die Ruhr-Universität begleitet das Konzept wissenschaftlich, Sportstudierende leiten die Übungen und lokale Unternehmen sponsern die Angebote. So tragen in dem eingespielten Team alle dazu bei, Kinder fit für die Zukunft zu machen.

Das sagt die Jury

Überzeugt hat die Jury, dass der VfL Bochum mit dem Bündnis „Blau-Weißer Bewegungsraum“ niedrigschwellig Familien erreicht, Vertrauen schafft und sie für Bewegung begeistert. Dem Bündnis gelingt auch der Zugang zu Kindern aus sozial benachteiligten Wohngebieten. Sportstudierende trainieren jede Woche rund 1.500 Kinder in 60 Einrichtungen. Ob Tanzen oder Ballspiele – mit Piktogrammen wählen die Kinder ihre Übungen aus und entscheiden aktiv mit. Ohne Leistungsdruck werden sie in dem gestärkt, was sie können. Kita-Fachkräfte sowie Jugend- und Gesundheitsamt tauschen sich aus, um die Bedarfe der Kinder zu ermitteln und passgenaue Angebote zu gestalten. Die Ruhr-Universität begleitet das Konzept und lokale Unternehmen sponsern die Angebote. So trägt jeder in dem eingespielten Team dazu bei, dass alle Kinder in Bochum gute Startchancen haben.

Die Begründung unserer Jury in voller Länge

Zugang zu Familien schaffen – Gemeinschaft und Teilhabe stiften 

Das Bündnis überzeugt durch seine besondere Fähigkeit, verlässliche Zugänge zu Kindern und Familien zu schaffen und damit Gemeinschaft sowie soziale Teilhabe zu ermöglichen. Die vielfältigen Bewegungsangebote eröffnen Lern- und Erfahrungsräume, in denen Kinder spielerisch miteinander in Kontakt treten und soziale Fähigkeiten entwickeln können. Dabei werden motorische und psychosoziale Förderung eng miteinander verbunden, so dass gesundheitliche Entwicklung, Selbstbewusstsein und Gemeinschaftsgefühl gleichermaßen gestärkt werden.  

Sprachliche Hürden bestehen nicht: Die Trainerinnen und Trainer arbeiten individuell und sensibel mit den Gruppen, nutzen nonverbale Methoden und ermöglichen so eine natürliche, alltagsintegrierte Sprachförderung, wie Kitas ausdrücklich zurückmelden. 

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt in der Beteiligung des VfL Bochum, der als starker und vertrauter Akteur Identifikation, Verlässlichkeit und positive Emotionen stiftet. Der Verein dient als Türöffner, insbesondere für Familien in Risikolagen, die sonst nur schwer erreicht würden. Nahezu jede Familie in der Stadt verbindet etwas Positives mit dem VfL, was den Zugang erleichtert und Vertrauen schafft.  

In enger Zusammenarbeit mit den kommunalen Ämtern werden gezielt Sozialräume ausgewählt, in denen Sozial- und Gesundheitsdaten einen erhöhten Bedarf erkennen lassen. Dadurch rückt das Bündnis gerade jene Stadtgebiete in den Fokus, in denen Kinder am stärksten von Armut und gesundheitlichen Einschränkungen betroffen sind.  

Mit rund 1.500 erreichten Kindern pro Woche in 60 Einrichtungen entfaltet das Bündnis eine hohe und vor allem flächendeckende Reichweite. Die Begeisterung der Kinder zeigt sich unmittelbar: Viele warten bereits an den Fenstern, wenn die Trainerinnen und Trainer – ein Ausdruck starker Bindung und hoher Beziehungsqualität. 

Freude an der Bewegung steht im Mittelpunkt 

Im Zentrum der Arbeit steht die Freude an Bewegung – nicht Leistung, nicht Wettbewerb, sondern das individuelle Erleben von Spaß, Ausdruck und Selbstwirksamkeit. Die Angebote sind polysportiv, freudebetont und flexibel gestaltet, so dass jedes Kind die Bewegungsform finden kann, die zu ihm passt. Die Trainerinnen und Trainer richten ihre Einheiten sowohl nach den Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe als auch der einzelnen Kinder aus. Zu Beginn wird oft abgefragt, wie es den Kindern geht, beispielsweise mithilfe von Farben oder Karten. Die Kinder haben dann die Möglichkeit, über ihr aktuelles Befinden zu berichten. Es wird sich bewusst die Zeit genommen sie erzählen zu lassen, ihnen den Raum zu geben. Die Kinder dürfen dann auf Grundlage der Stimmungsbilder das Programm und die folgenden Angebote mitbestimmen. Die Übungen werden entsprechend spontan angepasst – sei es mit auspowernden Aktivitäten oder ruhigen, entspannenden Formaten. 

Kinder mit besonderen Bedürfnissen werden gezielt und feinfühlig unterstützt. Die Trainerinnen und Trainer investieren in Beziehung und Vertrauen, um echte Teilhabe zu ermöglichen. So berichtet ein Trainer von einem Jungen mit schwierigen familiären Bedingungen und ungenutztem Potenzial, der motorisch noch nicht so weit war und außerhalb kaum gefördert wurde. Gerade für solche Kinder, so betont er, müsse das Bündnis da sein – damit auch sie Anschluss finden, beispielsweise bei der Sportsozialisation in der Grundschule.  

Bewegungsangebote wie ein eher ruhiges Kastanienspiel mit dem Fokus Schleichen oder intensive Übungen nach dem Motto „Bewege dich wie ein Tier“ zeigen die Vielfalt und Niedrigschwelligkeit des Ansatzes. Fußball spielen die Kinder beim Blau-Weißen-Bewegungsraum natürlich auch – aber nur wenn Sie selbst darauf Lust haben.  

Lebensweltorientierung durch systematische Analyse der Sozialraumdaten 

Das Bündnis arbeitet datengestützt und lebensweltorientiert. Die systematische Nutzung von Sozialraumdaten – unter anderem Sozialindexdaten des Jugendamts und Gesundheitsdaten des Gesundheitsamts – wird mit den Beobachtungen der pädagogischen Fachkräfte aus den Kitas kombiniert. Auf dieser Grundlage entstehen Angebote, die präzise auf die Bedarfe einzelner Sozialräume und spezifischer Kita-Gruppen zugeschnitten sind. Unterschiedliche Herausforderungen führen so zu unterschiedlichen, passgenauen Lösungen. 

Die Rückkopplung erfolgt dabei strukturiert und regelmäßig. Kitas geben standardisierte Rückmeldungen an die Bündniskoordination; zusätzlich findet ein enger Austausch zwischen Trainerinnen und Trainern sowie den Kita-Teams statt. Diese kontinuierlichen Rückmeldeschleifen ermöglichen eine dynamische Weiterentwicklung und stellen sicher, dass Angebote stets nah an den Lebenswelten der Kinder bleiben. 

Systematische Weiterentwicklung 

Zur Stabilität und Qualität des Bündnisses tragen zudem ein breit aufgestelltes Fundament sowie die systematisch eingesetzten Instrumente der Weiterentwicklung bei.  

Die Ruhr-Universität Bochum begleitet das Bündnis wissenschaftlich und liefert wertvolle Impulse, die sowohl in die Ausgestaltung einzelner Angebote als auch in die strategische Weiterentwicklung einfließen. So sind in den vergangenen Jahren mehrere (sportwissenschaftliche) Abschlussarbeiten im Rahmen der Bündnisarbeit entstanden, die ganz konkrete Impulse sowohl zur Weiterentwicklung der einzelnen Angebote vor Ort wie auch der der Weiterentwicklung des Bündnisses insgesamt gegeben haben. Ergänzend sorgen jährliche qualitative Befragungen der Kitas sowie vierteljährliche Feedbackgespräche mit Kita-Leitungen und pädagogischen Fachkräften für eine kontinuierliche Reflexion der Praxis. Die Ergebnisse werden konsequent aufgegriffen und in die Arbeit integriert. 

Das Bündnis vereint vielfältige Stakeholder, die jeweils spezifische Perspektiven und Ressourcen einbringen. Der VfL Bochum fungiert als Türöffner und Identifikationsanker, die städtischen Ämter stellen Daten und Analysen bereit, die Kitas bieten unmittelbaren Zugang zur Zielgruppe, die Universität liefert wissenschaftliche Expertise und Begleitung, weitere Verantwortliche unterstützen mit Spenden und Netzwerken. Dadurch entsteht ein außergewöhnlich robustes und wirkungsvolles Netzwerk, das die Entwicklung der Kinder ebenso stärkt wie die Weiterentwicklung der Qualität in der frühkindlichen Bildung vor Ort. 

Das sagt der Deutsche Gewerkschaftsbund zum Zusatzpreis

Gute Arbeit und starke Teams entstehen dort, wo Menschen mit Respekt, Vertrauen und echter Teilhabe zusammenwirken. Wo es auf die Stärken jedes Einzelnen ankommt und alle die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Genau deshalb wird der Zusatzpreis „Attraktivität der Arbeit“ des DGB 2025 für gelingende Partizipation und Mitbestimmung von Beschäftigten und Partnerinnen und Partnern im Bündnis verliehen. Hier hat uns der Blau-Weiße Bewegungsraum rundum überzeugt.

Das Bündnis schafft ein Arbeitsumfeld mit vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten, einer offenen Kommunikationskultur und gemeinschaftsfördernden Aktivitäten. Dies stärkt den Zusammenhalt und die Freude an der Bündnisarbeit. Für seinen Einsatz, die Gesundheit, Bewegung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zu fördern, und die authentische Verankerung von Partizipation und Mitbestimmung im Bündnis erhält der Blau-Weiße Bewegungsraum den DGB-Preis „Attraktivität der Arbeit“ 2025.

Die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kitas, Stadtverwaltung, Wissenschaft und der Wirtschaft bildet das Fundament für die Bündnisarbeit. Ebenso die eigene Nachhaltigkeitsstrategie, die sich insbesondere auf soziale Vielfalt, gesellschaftliche Verantwortung und Ökologie konzentriert. Um die aktive Einbindung und Mitgestaltung aller Beteiligten zu gewährleisten, stellt der Blau-Weiße Bewegungsraum vielfältige Strukturen und Ressourcen bereit. Regelmäßige Netzwerktreffen, Austauschrunden und Umfragen sichern den kontinuierlichen Dialog. Inhaltliche Themen wie auch persönliche Anliegen werden stets aufgegriffen und fließen in die Weiterentwicklung der Bündnisarbeit ein.

Regelmäßig nehmen die Übungsleitenden an Fortbildungen teil, wie zum Beispiel zum inklusiven Kindersport. Viele von ihnen engagieren sich bereits seit Jahren und bringen ihre individuellen Stärken ein – sei es durch Spielideen, pädagogische Impulse oder durch die sensible Berücksichtigung sprachlicher und sozialer Bedarfe der Kinder. Die geringe Fluktuation im Bündnis spricht für eine hohe Arbeitszufriedenheit und starke Identifikation. „Die Erfahrung, dass eigene Beiträge zählen und das Projekt mitprägen, steigert die Motivation und macht die Arbeit im Bündnis besonders erfüllend“, so die Bündnisbeteiligten. Wir sind überzeugt, dass das Bündnis auch in Zukunft gemeinsam viel und Viele begeistern und bewegen wird.